Schwenkbewegungen

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Beim Schwenk drehst du dich bei laufender Kamera um deine eigene Achse. Es gibt einen horizontalen und einen vertikalen Schwenk. ‚Horizontal‘ heißt, dass du die Kamera von einem Punkt zu deiner linken Seite bis zu einem zweiten Punkt auf deiner rechten Seite führst. So, wie du ein Buch liest. Entgegengesetzt der Leserichtung solltest du nur in Ausnahmefällen schwenken, da es für den Zuschauer eher unangenehm ist. Ein solcher Ausnahmefall könnte die ‚Verfolgung‘ eines Motivs sein, welches sich von rechts nach links bewegt (z.B. ein Auto oder ein Wanderer). Vertikale Schwenks werden seltener durchgeführt. Die Kamera wird aus Augenhöhe nach oben oder nach unten geschwenkt. Ein gutes Beispiel hierfür wäre ein hohes Gebäude, zum Beispiel ein Leuchtturm. Oder der Blick vom Aussichtspunkt in eine Schlucht. Mit einem vertikalen Schwenk willst du zeigen, wie groß oder wie mächtig das gefilmte Objekt ist.

Vermeide unnötige Schwenkbewegungen

Stell dir folgende Szene vor: Du bist im Urlaub im fernen Süden. Du stehst mit deiner Kamera auf einem belebten Marktplatz. Überall sind Stände aufgebaut, an welchen Einheimische die exotischsten Dinge verkaufen. Plötzlich taucht ein Händler mit einem voll Teppichen beladenen Eselgespann auf und bahnt sich den Weg durch die engen Marktgassen. Und zu deiner Rechten befindet sich auch noch ein antikes Gemäuer, welches unbedingt von oben bis unten aufgenommen werden muss. Es verwundert nicht, dass manch Kameramann mit dieser Masse an Eindrücken überfordert ist. Und damit meine ich nicht nur Filmanfänger. Auch der eine oder andere Profi lässt sich gerne dazu verleiten, das komplette Geschehen in einer einzigen Szene einzufangen. Das Ergebnis sind oft hektische Schwenkbewegungen.

Grundsätzlich gilt: Sobald sich etwas vor der Kamera bewegt (zum Beispiel Menschen), sollte der Kameramann keine zusätzliche Unruhe durch eine Schwenkbewegung ins Bild bringen. Unterteile deine Szene lieber in mehrere statische, also ruhende, Aufnahmen. Eine Gesamtaufnahme der engen Marktgasse, Nahaufnahmen der Marktstände und Großaufnahmen der Händler. Den Vertikalschwenk des antiken Gebäudes unterteilst du ebenfalls in Einzelszenen. Suche dir  ein paar schöne Details raus: die Verzierungen in der Mauer, das Kreuz auf dem Turm, ein Wappen über der Türe. Das sieht im Film beruhigender aus als ein nichtssagender Schwenk von oben bis unten und von links nach rechts.

Warum aber soll ich mit der Filmkamera nicht von einer Seite zur anderen blicken dürfen? Unser Auge tut das doch auch! Stimmt. Aber unser Auge hat einen anderen Blickwinkel als die Kamera und ist an den Seiten nicht durch ein hartes Bildende begrenzt. Wenn wir mit den Augen etwas suchen oder umherblicken, dann werden diese Eindrücke direkt an das Gehirn weitergeleitet. Sobald etwas außerhalb deines Sichtfeldes ist, weiß das Gehirn trotzdem, wie es dort weitergehen könnte. Mit der Kamera funktioniert das nicht. Die hat kein Gehirn und erkennt nur den harten Abschluss des Sichtfeldes! Schule dein Auge darauf, was wirklich interessant ist. Es muss nicht alles auf der Speicherkarte verewigt werden.

So schwenkst du richtig

Wenn du die Aufnahmetaste gedrückt hast, darfst du nicht sofort losschwenken. Du musst das Bild erst einige Sekunden ruhen lassen, bevor du mit der Bewegung startest. Sobald du den Zielpunkt erreicht hast, machst du es genauso. Ein paar Sekunden weiterfilmen, dann die Aufnahme beenden. Somit hast du beim Filmschnitt etwas ‚Fleisch‘, um es in der Filmsprache zu sagen. Das Standbild am Ende zeigt dem Zuschauer: „Aha. Der Schwenk ist an dieser Stelle beendet.“

Am Schnittpult kannst du die Anfangs- und die Endszene wieder kürzen, wenn dir die Standzeit zu lange erscheint. Was aber wäre, wenn du dich später gegen den langen Schwenk entscheidest? Dann könntest du die beiden Standbilder als Einzelaufnahmen verwenden. Schwenke immer von links nach rechts, so wie du ein Buch liest. Und denk dran: Ein Schwenk dauert 20 bis 40 Sekunden. Das ist ganz schön lang für den Zuschauer und kann selbst mit Musikuntermalung schnell zu Langeweile führen.

Wann setzt du einen Schwenk ein?

  • Verfolgen von Objekten: Eine Wandergruppe zieht durch eine schöne Landschaft. Mit dem Schwenk schaffst du einen Bezug vom Mensch zur Natur. Auch andere Motive kannst du mit einem Schwenk verfolgen, z.B. Fahrzeuge. Du merkst schon: vorhin hieß es doch noch, dass der Kameramann bei bewegten Motiven keine zusätzliche Unruhe ins Bild bringen soll! Im Fall der Motivverfolgung ‚begleitest‘ du jedoch das Objekt und zeigst, wo es startet und wo es sich hin bewegt.
  • Größe demonstrieren: Der Schwenk über einen gefüllten Theatersaal oder über ein Open-Air-Konzert, von den Zuschauern bishin zur Bühne, gibt dem Betrachter ein Gefühl für die Größe des Raumes oder für die Masse des Publikums. Achtung: Sobald du deine Kamera in eine andere Richtung bewegst, wird auch der Ton der Bühne leiser bzw. lauter.
  • Zeigen von Arbeitsabläufen: Du drehst ein Erklärvideo, in welchem du mehrere Arbeitsplätze filmst. Am einen wird gesägt, am nächsten geklebt. Ein Schwenk macht Sinn, wenn du dem Kunden den Zusammenhang zwischen den Arbeitsschritten demonstrieren möchtest.
  • Verbindung beim Achsensprung: Ein Achsensprung entsteht, wenn du dich nach der

    ersten Szene um 180 Grad in die andere Richtung drehst und dann weiterfilmst. Nun ist das Meer einmal rechts im Bild und in der darauf folgenden Szene links im Bild zu sehen. Ein Schwenk verbindet die beiden Punkte miteinander.

Typisches Beispiel für einen Achsensprung

Der Reißschwenk

Eine aktuelle Form des Schwenkens ist der Reißschwenk. Es ist so schnell ausgeführt, dass das Auge des Zuschauers gar nicht erkennt, was geschieht. Somit wird er gerne für Szenen- oder Ortswechsel eingesetzt. Am Ende der ersten Szene fährst du mit deiner Kamera schnell nach rechts ins Nirgendwo, und in der nächsten Szene startest du aus dem Nirgendwo und schwenkst schnell wieder nach rechts. Dort wartet bereits dein Motiv. Dieser Reißschwenk wirkt am besten, wenn du ihn am Computer mit dem Zeitraffer noch schneller machst. Länger als insgesamt eine Sekunde sollte er nicht dauern. Diese moderne Art des Schwenkens erfordert viel Übung, denn es ist nicht einfach, die Kamera ruckartig am Motiv anhalten zu lassen.